Jugendgerichtshilfe in Krefeld
Erschienen in Rheinischer Post vom 07.09.2026
Im „Sozialen Training“ lernen straffällige Jugendliche, über ihre Gefühle zu sprechen. Der 21-Jährige Yusuf verbüßt eine Bewährungsstrafe – und konfrontiert im Kurs erstmals seine Wut.
Yusuf schnappt sich die gelben Karteikarten und beginnt, das aufzuschreiben, was in seinem Kopf herumschwirrt. Das erste Wort, das er aufschreibt, besteht aus drei Buchstaben: W-U-T. In großen Lettern presst er das Wort auf die Karteikarte und pinnt sie an die Wand, an der schon ein Dutzend Karten hängen. Auf jeder Karte steht ein Gefühl: Trauer, Angst, Verzweiflung. Die Wut begleitet Yusuf schon lange. Doch er konnte sie nicht kontrollieren – auch damals nicht, als er gemeinsam mit Freunden eine andere Gruppe brutal zusammenschlug.
Neben Yusuf sitzen weitere fünf junge Männer und vier junge Frauen in einem Gemeinschaftsraum im Souterrain. Sie alle sind hier für ein „Soziales Training“. Nicht freiwillig, sondern weil ein Gericht es verpflichtend angeordnet hat. Wer diesen Kurs belegt, erfüllt zwei Kriterien: Die Teilnehmenden sind jung und haben schon mehrere, meist schwerere Straftaten begangen.
INFO: Die Gruppen sind auffallend heterogen
Zusammensetzung Die Kursgruppen sind auffallend heterogen. Es mischen sich Jugendliche aus gut situierten Familien mit Jugendlichen aus bildungsbenachteiligten Verhältnissen. Es nehmen Jungen und Mädchen teil, Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte.
Anforderungen Vor dem Kurs sind die Teilnehmer zu Einzelgesprächen mit Sozialpädagogen verpflichtet. Die Trainerinnen erfahren außerdem von den Jugendgerichthelfern, welche Ziele die Jugendlichen verfolgen müssen.
Yusuf, der heute 21 Jahre alt ist, wurde für die Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. „Ich bereue das sehr“, sagt er. Mit den Freunden von damals habe er nichts mehr zu tun. Mehr noch: Yusuf hat angefangen, sich mit seinen Gefühlen und Problem auseinanderzusetzen. Auch mit seiner Wut.
Für viele ist die Teilnahme eine Auflage der Bewährungsstrafe. Der Kurs ist oft die letzte pädagogische Intervention vor einer Haftstrafe. Schon seit über 15 Jahren organisiert die Jugendhilfe im Strafverfahren der Stadt Krefeld diese Trainings, seit 2017 führt der Katholische Verein für soziale Dienste in Krefeld (SKM) sie durch.
Die Teilnehmer sind 15 bis 21 Jahre alt und wurden gewalttätig
Dreimal im Jahr startet ein Durchlauf über rund drei Monate mit wöchentlichen Einheiten. Mal sind die Gruppen nach Geschlechtern getrennt, immer wieder aber auch durchmischt. Die Teilnehmer sind in der Regel zwischen 15 und 21 Jahren alt. Die allermeisten sind hier, weil sie gewalttätig geworden sind, häufig mit gefährlicher Körperverletzung. Wer ein Sexualdelikt begangen hat oder schwer sucht- oder psychisch krank ist, kann in der Regel nicht teilnehmen.
Die Gruppe startet üblicherweise mit zwölf Teilnehmern, „meistens schaffen es aber nur maximal acht bis zehn bis zum Ende“, sagt Sozialarbeiterin Denise Krüger vom SKM. Gemeinsam mit ihren Kollegen arbeitet sie in der Jugendhilfe im Strafverfahren. Krüger allein betreut und berät aktuell rund 60 Klienten, die straffällig geworden sind. Zusätzlich zu dieser Aufgabe übernehmen die Mitarbeitenden des SKM die „Sozialen Trainingskurse“.
Wer sich nicht an die Regeln hält, muss gehen
Für die Teilnehmer gelten im Kurs klare Regeln. Wer sich nicht daran hält, wird ausgeschlossen oder muss gar mit jugendrichterlichen Maßnahmen rechnen. Auch wird von den Teilnehmern erwartet, dass sie aktiv mitarbeiten und ihre Probleme angehen. An diesem Dienstag kichern zwei Jungen andauernd, während die anderen versuchen, ernst über ihre Gefühle zu sprechen. In der ersten Pause nimmt eine Sozialarbeiterin die beiden beiseite, danach reißen sie sich zusammen.
Jugendliche, die auf die falsche Bahn geraten sind, sollen hier die Kehrtwende schaffen. Sie sollen sich mit ihrer Tat und der Perspektive ihrer Opfer kritisch auseinandersetzen und gewaltfreie Kommunikation lernen. Mal geht es in den Kurseinheiten um Gefühle, mal um Selbstreflexion oder Biografie-Arbeit. Die Teilnehmer sollen durch diese konfrontierende Pädagogik lernen, emphatischer und resilienter zu sein und mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
75 Prozent der Absolventen bleiben straffrei
„Viele haben in ihrer Kindheit selbst Gewalterfahrungen gemacht oder äußerst schwierige Familienstrukturen, andere handeln aber auch aus Gruppenzwang“, erklärt Denise Krüger. Manche Teilnehmer sind bereits an die Jugend- und Familienhilfe angebunden. In einigen Fällen schließen die Teilnehmenden auf Empfehlung der Trainer nach dem Kurs auch eine therapeutische oder pädagogische Begleitung an. Eine Auswertung der Stadt für die Jahre 2020 bis 2025 zeigt, dass rund 75 Prozent der Absolventinnen und Absolventen nach dem Kurs straffrei bleiben.
Gülay Kaya, Leiterin der städtischen Jugendhilfe im Strafverfahren, erklärt: „Durch das Training werden die Jugendlichen selbstbewusster. Sie verstehen ihr eigenes Verhalten besser und merken, dass sie sich auch ohne Gewalt selbst behaupten können.“ Eine Garantie für ein straffreies Leben sind die Trainings aber nicht. Auch Jugendliche, die im Kurs engagiert mitarbeiten, erleben manchmal einen Rückfall – und landen eines Tages im Gefängnis.
An der Pinnwand hängen nun alle Gefühlskarten. Die Jugendlichen haben wieder im Stuhlkreis platzgenommen. Nun besprechen sie ihre Emotionen. Manche Teilnehmer öffnen sich ihren Gesprächspartnern selbstbewusst. Andere sind zurückhaltend oder unsicher.
Anna ist hier, weil sie ausgeflippt ist
Anna ist 16 Jahre alt. Sie ist hier, weil sie ausgeflippt ist und eine andere Jugendliche geschlagen hat. Sie sagt: „Es ist schon okay, dass ich jetzt hierhin muss. Ich lerne, besser mit meinen Emotionen umzugehen und eine andere Lösung als Gewalt zu finden.“ Auch Yusuf erkennt an: „Ich komme gerne zum Kurs. Ich bin mittlerweile sauber und halte mich auf Distanz zu potenziellen Gefahren.“ Er hat längst eine Ausbildung angefangen und sein Leben grundlegend verändert. Die Wut gehört weiterhin dazu. Doch er hat bessere Wege gefunden, mit ihr umzugehen.
Mit freundlicher Genehmigung der Rheinischen Post.
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation.
Krefeld, 22.09.2026
SKM Krefeld e.V. – Vorstand
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