Ein Beratungsangebot beim SKM richtet sich an Täter, aber auch Opfer männlicher Gewalt
Erschienen in Westdeutscher Zeitung vom 01.06.2026
„Echte Männer reden.“ So lautet kurz und prägnant das Motto eines besonderen Beratungsangebots, das beim „SKM – Katholischer Verein für soziale Dienste“ in Krefeld vor genau zehn Jahren eingeführt worden ist. Es richtet sich an Männer – genauer: an Männer, die gewalttätig geworden sind, befürchten, es zu werden oder womöglich selbst Opfer von Gewalt wurden.
Der Bedarf ist groß: „Als wir das Angebot eingeführt haben, war ganz schnell alles voll“, berichtet Jan Mokros, der beim SKM als ausgebildeter Männerberater arbeitet. Schon zuvor habe man sich um Männer gekümmert, denen gerichtlich „Therapie statt Strafe“ verordnet wurde. Neu war vor zehn Jahren der Ansatz, auch präventiv tätig zu werden, also Hilfe anzubieten, bevor es zur möglichen Katastrophe kommt.
Bis heute hat die starke Nachfrage nach dieser Hilfe nicht nachgelassen: Seit 2017 gab es beim SKM Krefeld eine Kontaktaufnahme durch knapp 500 Männer, 2025 war ein Rekordjahr mit 127. In dieser Zeit wurden 2991 Beratungs- und Erstgespräche geführt. „Im Durchschnitt bleiben Männer etwa ein Jahr in Beratung (zwölf bis 14 Monate), allerdings gibt es auch immer wieder Abbrüche oder welche, die sich nach dem Erstgespräch nicht mehr melden“, sagt Mokros.
Die hohen Zahlen sind kein Zufall: 80 Prozent der aus der Kriminalstatistik bekannten Fälle von häuslicher Gewalt in Krefeld werden von Männern ausgeübt, weiß SKM-Vorsitzende Caroline Frank. Hinzu kommt ein großes Dunkelfeld. „Gewalt ist dabei nicht auf eine bestimmte soziale Schicht begrenzt“, hebt Jan Mokros hervor. Vielfach werde nach außen eine „heile Welt“ vorgespielt. Vor allem das „Dunkelfeld hat Abitur“, sagt er.
Großteil der Männer ist zwischen Ende 20 und 45 Jahre alt
Die Männer, die zu ihm kommen, haben durch ihr Handeln in der Regel viel zu verlieren: Ehefrau, Kinder oder Job. Denn mit unterschiedlichen Formen der Gewalt reagieren sie zum Beispiel auf den Druck in Beruf und Familie, auf die Ohnmacht, nicht alles unter Kontrolle zu haben. Nicht das Reden, sondern Gewalt, so haben sie schon als Kind gelernt, ist eine „männliche“ Reaktion darauf. Auch die unzähligen Action-Helden im Kino führten dies vor – von männlichen Gewalttätern an der Spitze aktueller Regierungen ganz zu schweigen.
Doch wo kommt die Wut, die Gewalt bei Männern her? Im Gespräch mit Jan Mokros und Caroline Frank wird klar, dass die gängigen Klischees über Männerbilder nichts an Gültigkeit verloren haben: „Jungs wird aberzogen, Gefühle zu haben.“ Sie lernen stattdessen Härte gegen sich und andere. Solche Strukturen hätten derzeit sogar Konjunktur, befeuert zum Beispiel von Influencern wie Andrew Tate, ein ehemaliger Kickboxer, der wiederholt als bekennender Frauenhasser in Erscheinung getreten ist, damit aber Millionen Follower erreicht. Jan Mokros geht in Schulen, um in achten bis zehnten Klassen solche Sichtweisen zu entzaubern, er weiß aber auch: „Die Jungs hören eher auf solche Influencer als auf ihre Eltern.“
Der Großteil der Männer, die zur Beratung an die Hubertusstraße kommen, ist zwischen Ende 20 und Mitte 40. Die Spanne der von ihnen ausgeübten Gewalt reicht vom „Hand ausrutschen“ über Bedrohungen und massive Prügel bis zu Beleidigungen, Abwertungen und Aggressivität im Straßenverkehr.
„Wenn sich ein Mann hier meldet, hat er ein Problem“, fasst Caroline Frank dies zusammen. Er müsse lernen, mit seiner Wut anders umzugehen. Durch die Beratung beim SKM sollen Jungen und Männer „Gewalt“ als bewusste Entscheidung erleben. Und erfahren, dass sie sich gegen Gewalt entscheiden können, um Konflikte zu lösen.
Was war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage schaue man sich das ganze Fass an, umschreibt es Mokros. Der dann Sätze wie diese hört: „Wenn ich mit Ihnen rede, ist es, wie auf einem anderen Planeten zu sein.“
Neben Mokros arbeitet noch ein weiterer Männerberater beim SKM. Seit 2023 fördert die Stadt Krefeld das Angebot. Denn es handele sich um ein zunehmendes Problem, berichtet Caroline Frank. Im Buch „Was Männer kosten“ hat Autor Boris von Heesen ausgerechnet, dass durch alle „toxischen Verhaltensweisen“ von Männern bundesweit Kosten in Höhe von 63 Milliarden Euro im Jahr zusammenkommen. Die Prävention hilft also sogar dabei, Geld zu sparen.
Mit freundlicher Genehmigung der Westdeutschen Zeitung
Autor: Werner Dohmen
Foto: Andreas Bischof
Krefeld, 20.05.2026
SKM Krefeld e.V. – Vorstand
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